Blues

Als der Blues nach Europa kam

Vor knapp 60 Jahren eroberte die Musik der schwarzen US-Amerikaner Europa und legte den Grundstein für die moderne Rock- und Pop-Musik. Die Jugend des alten Kontinents entdeckte den Blues. Erheblichen Anteil daran hatten zwei deutsche Jazzfans: Horst Lippmann und Fritz Rau. 1962 starteten sie das American Folk Blues Festival, für das sie die bedeutendsten Vertreter des US-Blues durch Europa touren ließen.

I Am The Blues

Memphis Slim, T-Bone Walker, John Lee Hooker und Skakey Jake waren 1962 beim ersten American Folk Blues Festival dabei. Und der blinde Mundharmonikaspieler Sonny Terry, der auf die Bühne geführt werden musste, und sein Duo-Partner der gelähmte Gitarrist Brownie McGhee, der auf die Bühne getragen werden musste. Kaum waren sie oben, zogen die Blues-Virtuosen das Publikum mit ihrer bittersüßen Musik in ihren Bann. Vor allem aber war da noch Willie Dixon. Der Bassist und Sänger war Stammgast der ersten drei Festivals. Dixon war die Schlüsselfigur der US-amerikanischen Blues-Szene jener Tage. Er war Bandleader, Produzent und Komponist und ständig auf der Suche nach neuen Talenten. Er hat etliche Blues-Klassiker geschrieben wie „I Am The Blues“, „Just Wanna Make Love To You“, „I‘m Ready“ und „Red Rooster“.

Willie Dixon 1988. (Bildquelle: Chess-Box Willie Dixon)

Das Blues-Festival stieß auf großes Interesse. Auf das der europäischen Jazz-Fans, die sich für die Wurzeln ihrer Musik interessierten, auf das der Rock‘n‘Roller, die die Quelle ihrer Musik kennenlernen wollten, und auf das der Folk-Zirkel, die den Blues als Bestandteil ihrer Musik verstanden. In England hatte der Jazzbandleader Chris Barber schon Ende der 1950er Jahre Bluesmusiker in den Pausen seiner Konzerte auftreten lassen. Die Us-amerikanische Folk-Musikern Peggy Seeger hatte Ewan McColl geheiratet, eine zentrale Figur der englischen Folk-Bewegung. Auch auf diesem Weg kam der Blues nach England. Die Skiffle-Bewegung entstand als eine Art Gegenbewegung gegen den Rock‘n‘Roll. Der Folk- und Bluesmusiker Leadbelley war ein Held des Skiffle. Elisabeth Cotton, schwarzes Hausmädchen der Familie Seeger in den USA, hatte mit „Freight Train“ eine Hymne der Skiffle-Bewegung geschrieben. Alle, die Jazz-Fans, die Rock‘n‘Roller, die Folk- und Skiffle-Fans pilgerten zum American Folk Blues Festival, das durch Deutschland, Frankreich, Dänemark, Holland, die Schweiz und England tourte.

Die Söhne überflügeln die Väter

Die Musik der einstigen Sklaven stieß bei der aufbegehrenden Jugend Europas auf offene Ohren. Vor allem in England fand sie große Resonanz. Junge englische Musiker pilgerten zu den Konzerten und sogen die Töne in sich auf: Alexis Korner, John Mayall, Eric Clapton, Eric Burdon, Peter Green… Bands entstanden, die die Musik ihrer schwarzen Vorbilder mindestens genauso gut spielten – und sie weiter entwickelten: die Yardbirds, John Mayall‘s Bluesbreaker, die Graham Band Organisation, die Pretty Things, die Rolling Stones, Fleetwood Mac…

Die Musik dieser englischen Beat-Gruppen wiederum stieß unter der US-amerikanischen Jugend auf Interesse. Der Blues kehrte in seine Heimat zurück. Junge weiße Musiker griffen ihn auf: Canned Heat, Steve Miller Band, Big Brother and the Holding Company mit Jannis Joplin, Ry Cooder, Bonnie Raitt, Mike Bloomfield, Charlie Musselwhite und auch Bob Dylan.

Je mehr sich die englischen Beatbands vom Blues entfernten, desto uninteressanter wurde das American Folk Blues Festival. 1972 ging die vorläufig letzte Tournee über die europäischen Bühnen. Anfang der 1980er Jahren versuchten Lippmann und Rau das Festival mit dem Blues-Nachwuchs aus den USA wiederzubeleben. Nach fünf Versuchen war dann endgültig Schluss.

Das Konzept des Festivals habe es den Musikern nicht möglich gemacht, ihr Bestes zu geben, kritisiert Gérard Herzhaft in seiner „Enzyklopädie des Blues“. Der Künstler „trat auf, spielte drei oder vier Nummern und verschwand wieder. Selbst ein Musiker , der binnen weniger Minuten einen Saal zum Kochen bringen konnte – und die sind selten genug – musste den Platz für den Nächstfolgenden räumen, ohne sich entfalten und in Stimmung kommen zu können“, schreibt er. Wer die Platten anhört, auf denen Lippmann und Rau die Konzerte dokumentiert haben, bekommt allerdings gut aufgelegte Musiker zu hören, die grandios aufspielen. Die Besetzung der Band blieb während der Konzerte auch meistens konstant, lediglich der Frontmann wechselte. Die Plattenveröffentlichungen der American Folk Blues Festivals sind Perlen, die in jede Blues-Sammlung gehören.

Hier ist ein Mitschnitt des Konzertes 1962 in Paris zu hören

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