Longtracks

Besser als radiotauglich

Fast 50 Minuten, gut 20 Minuten, deutlich über zehn Minuten: es gibt Songs die deutlich länger als die radiotauglichen zwei bis drei Minuten sind – und das ohne eine Sekunde zu langweilen. Hier ist eine Auswahl der besten Longtracks, von Canned Heath und Fleetwood Mac über Temptations und Iron Butterfly bis Arlo Guthrie und Sweet Smoke.

Refried Boogie

Auf ihrem Doppelalbum „Livin‘ The Blues“ von 1968 glänzen Canned Heath mit dem fast 50 Minuten langen, über zwei Plattenseiten gehenden „Refried Boogie“. Es ist ein ausgedehnter Ritt durch die Spielarten des Blues, der an keiner Stelle langweilig ist. Das Stück ist voller Zitate und Anspielungen, stellte das Musikmagazin „Sounds“ damals fest und riet: „Puzzle-Spiel für gewissenhafte Experten: Findet heraus, welche Songs zitiert und auf welche alle angespielt wird.“

Baby Night

Zwei lange Stücke, jedes gut 16 Minuten lang, das ist die Platte „Just A Poke“ von Sweet Smoke. Es war das Debüt der US-amerikanischen Jazz-Rock-Gruppe im Jahr 1970. Die Band hatte sich in Deutschland unweit der Grenze zu den Niederlanden häuslich eingerichtet. Di Platte wurde von „Sounds“ als „eine der besten deutschen Pop-Produktionen der letzten Zeit“ gefeiert. Die beiden Stücke „Baby Night“ und „Silly Sally“ sind von ihrer Struktur her ähnlich und beide von betörender Schönheit. Saxofonist und Flötist Michael Paris gibt auf „Baby Night“ eine Melodie vor, über die er dann mit Gitarrist und Sänger Marvin Kaminowitz ausschweifend improvisiert während Andy Dershin am Bass, Jay Dorfman am Schlagzeug und Steve Rosenstein an der Rhythmusgitarre mit ständig wechselnden Rhythmen reichlich Schwung in die Sache bringen. Eine betörende Musik. Auf dem Cover ist ein Joint abgebildet, doch die Musik funktioniert auch wunderbar ohne.

Taxim

Die US-amerikanischen Kaleidoskope bauten arabische Klänge in ihre Songs ein. „Sounds“ bezeichnete die Jungs um den Ausnahmegitarristen David Lindley als „eine der am meisten unterbewerteten Rockgruppen Amerikas. Auf der LP „A Beacon From Mars“ ist das 11.20 Minuten lange „Taxim“, in dem die Band ihrer Vorliebe für orientalische Klänge ausgiebig frönten. Ein ungewöhnliches Stück im damaligen Rockmusikgeschäft. Das war Weltmusik lange bevor der Begriff erfunden wurde. „Kaleidoskope“ beherrschte darüber hinaus den Blues so gut wie Country-Rock und psychedelische Klänge. „Taxim“ demonstriert ihre Genialität und Virtuosität. Sie waren einfach zu gut, um erfolgreich zu sein.

Papa Was A Rollin‘ Stone

Psychedelic Soul lieferten die Temptations und das 12-Minuten-Stück „Papa Was A Rollin‘ Stone“ von ihrem 1972er Album „All Direktions“ ist ihr legendäres Stück, in dem sie alle Register ihres Könnens ziehen: Schlagzeug gibt den treibenden Takt, eine Bassgitarre beginnt zu dröhnen, im Hintergrund zirpen Streicher, Bläser mischen sich ein. So geht es etwa vier Minuten lang, bevor Dennis Edwards Gesang mit den Worten seinsetzt: „It was the third of September. That Day I‘ll always remember. ‚Cause that was the das that my daddy died.“ Gänsehaut! Und das Stück steigert sich von Minute zu Minute, wird immer ekstatischer. Ein wahrlich legendäres Stück Psychedelic Soul.

Who Do You Love

Der Gitarrist John Cipollina war der herausragende Musiker der Band „Quicksilver Messenger Service“. Auf dem 1969er Album „Happy Trails“ glänzte er in dem 25 Minuten langen Songzyklus „Who Do You Love“, der sich aus sechs Untertiteln zusammensetzt: Who Do You Love Part !, When You Love, Where You Love, How You Love, Which Do You Love, Who Do You Love Part 2. Cipollina betört mit ausgedehnten Gitarren-Improvisationen. Das Stück besteht weitgehend aus Studio-Aufnahmen, die um Live-Passagen ergänzt sind. Eine dieser Live-Passagen demonstriert, wie das Publikum in Ekstase gerät.

Green Manalishi

Die britischen Ur-Blueser Fleetwood Mac spielen vom 5. Februar 1970 an für drei Tage in der Boston Tea Party. Bandleader Peer Green war in Hochform und zelebrierte eine über 15 Minuten lange Version des Stücks „Green Manalishi“, noch bevor das Stück in einer knapp fünf Minuten langen Fassung im Mai als Single erschien und auf Platz zehn der Englischen Charts kletterte. Das Stück wurde erstmals 2001 auf der Doppel-CD „Show-Biz Blues – Fleetwood Mac 1968 to 1970“ veröffentlicht. Das Boston-Konzert war ein Aufbäumen vor dem Ende: Peter Green verließ Ende des Jahres die Band und Fleetwood Mac waren fortan eine andere Band.

I Saw America

„Stone The Crows“ aus Schottland spielten einen vorzüglichen BluesRock und hatten mit Magie Bell die beste Blues-Röhre der Insel (sie galt zu dieser Zeit als britische Jannis Joplin) und mit Les Harvey einen vorzüglichen Gitarristen. Nach einer ausgedehnten US-Tournee verarbeiteten sie ihre Eindrücke in dem 18.211 Minutenlangen Stück „I Saw America“, das 1969 auf ihrem Album „Stone The Crows“ erschien. Es wird nicht ausgedehnt gejammt in diesem Stück, sondern es sind viele kleine Episoden aneinandergereiht. Eine Instrumentalpassage etwa is eine Huldigung an die Mothers Of Invention, in einer anderen Episode singt Maggie Bell über ein Be-In in San Francisco und Les Harvy zeigt sein Können in einer Heavy-Blues-Passage.

Alice‘s Restaurant Massacree

Etwas aus der Reihe dieser Auflistung herausragender Longtracks fällt der 18.30 Minuten lange Taking-Blues „Alice‘s Restaurant Massacree von Arlo Guthrie, mit dem der Folk-Sänger Musikgeschichte geschrieben hat: Es war der erste Song, der verfilmt wurde. Aus der Reihe dieser Liste fällt der Song, weil nicht die Musik im Vordergrund steht, sondern die Geschichte, die Arlo erzählt: Alice hat ein Restaurant in einer ehemaligen Kirche eröffnet, das zum Treffpunkt der Hippies und Gegner des Vietnamkriegs wird. Höhepunkt ist eine illegale Müllentsorgung. Der Song erschien 1967 auf der Platte „Alice‘s Restaurant“ und war der größte Erfolg des Sohns des legendären Folk- und Protestsängers Woddy Guthrie.

In-A-Gadda-Da-Vida

Die US-amerikanische Band Iron Butterfly beeinflusste die nächste Generation der Schwermetaller wie Deep Purple und Led Zeppelin mit ihrem 1968er Album „In-A-Gadda-Da-Vida“ und dem darauf enthaltenen, über 17 Minuten langen Titelsong. „Doug Ingles majestätisch arrogante Stimme über sonorer Kirchenorgel, Lee Dormans fette Baßtupfer, Erik Branns ausdrucksvoll-schmutzige Gitarrenriffs und Ron Bushys emsige Drum-Batallien mischten sich zum ersten weltweiten Diskothekenhit der Drogen-Rock, dem vornehmlich unter Rauschmitteleinfluss der rechte Effekt beschieden war“, steht im „Neuen Rocklexikon“. Der Song funktioniert durchaus ohne Drogen. 1970 schoben Iron Butterfly eine Live-Fassung nach, die knapp zwei Minuten länger ist, sich aber kaum von der Studiofassung unterschiedet.

Phönix

Die beiden eng verzahnten Lead-Gitarren sind das Markenzeichen der Londoner Rockband Wishbone Ash. Mehr noch als durch ihre Studioalben faszinierte die vierköpfige Truppe auf der Bühne, wo sich Ted Turner und Andy Powel mit ihren Gitarren-Duellen zu Höchstleistungen antrieben. Sehr schön zeigt das der Live-Trak „Phönix“. Das 17-Minuten-Stück entwickelt sich aus einer langsamen Melodie zu einem wahren Gitarrengewitter, das durch ein extravagantes Schlagzeugsolo bereichert wird. Die Live-Fassung von „Phönix“ war zunächst 1972 auf der Promo-EP „Live From Memphis“ erschienen und wurde 2002 der CD-Auflage des Erfolgsalbums „Argus“ als Bonus-Track beigefügt.

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