Der König von Greenwich Village

Dave Van Ronk (be)schreibt Musikgeschichteronk

Dave Van Ronks Autobiografie „Der König von Greenwich Village“ beschreibt die Folk-Szene in Greenwich Village, zu der unter anderem Bob Dylan, Joan Baez, Leonard Cohen und Joni Mitchel gehörten. Die Memoiren dienten den Coen-Brothers als Vorlage für ihren Film „Inside Llewyn Davis“. Deshalb ist die Autobiografie nun eilig auf Deutsch herausgegeben worden, so eilig, dass keine Zeit für ein Register war. Schade, denn in dem Buch kommen viele Leute vor, die Musikgeschichte geschrieben haben. In den USA ist das Buch bereits 2005 erschienen.

Dylan klaut Van Ronk Songs

Eigentlich ist es keine Autobiographie. Elijah Wald hat das Buch anhand von Material geschrieben, das Van Ronk zusammengetragen hatte, um „so etwas wie die definitive Geschichte der Greenwich-Village-Folkies“ zu schreiben, so Wald. Van Ronk war eine treibende Karft der Szene gewesen, ohne selbst große musikalische Erfolge zu feiern. Erfolg hatte Dylan. Der hat Van Ronk zwei Songs geklaut. „House of the Rising Sun“ in der Version Van Ronks veröffentlichte Bob Dylan auf seinem ersten Album. Einen Hit machten dann die Animals daraus. Der zweite Song stammt eigentlich von Van Ronks Großmutter. Die war Irin und hatte ihrem Enkel eine sentimentale Ballade über die Trinity Church beigebracht. Dylan habe sich dieses Lied einige Male von ihm vorspielen lassen und es zu „Chimes of Freedom“ umgearbeitet, berichtet Van Ronk und merkt an: „Omas Version war besser.“

Der unbestrittene Herrscher

„Ich habe nie ein Vermögen verdient. Oft war ich hoch verschuldet, aber ich tue was ich tun wollte, seit fast fünfzig Jahren, und ich musste nie etwas anderes machen. Kann ich mehr verlangen. Ich wollte Musiker sein, und ich bin Musiker geworden, und darum geht es doch“, schreibt der Blues-Sänger und bekennende Trotzkist über sich. Dylan bewertet ihn so: „In Greenwich Village war Van Ronk der König der Straße, er war der unbestrittene Herrscher.“

New York versus Cambridge

Das zweite Zentrum des Folk-Revivals in den USA in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren war Cambridge. Dort spielte Eric von Schmidt die Rolle, die Van Ronk in Greenwich Village inne hatte. In Cambridge habe man gewollt, „dass Eric und ich einander hassten“, schreibt Van Ronk. In den Augen der Szene dort sei „Eric der größte weiße Bluessänger weit und breit“ gewesen und er „der Rivale aus New York“. Er habe sich aber vom ersten Augenblick an großartig“ mit von Schmidt verstanden, „und das nicht nur, wenn wir uns einen hinter die Binde gossen“. Mit der Cambridge-Szene konnte Van Ronk allerdings nichts anfangen. „Ich glaube, die Leute in Cambridge hatten generell Komplexe, was New York anging. Wir waren Gomorrha, und sie sahen sich als die Hüter der heiligen Flamme. (…) Als Szene allerdings ging mir Cambridge immer auf die Nerven. Dieses snobistische Klassendenken, der ganze Harvard-Nimbus, selbst wenn es gar nicht direkt mit Harvard zu tun hatten.“ Eric von Schmidt hat der Harvard-Szene mit dem Buch „Baby, Let Me Follow You Down“ ein schönes Denkmal gesetzt.

schmidt

Vielleicht hatte Van Ronk dieses Buch vor Augen, als er Material über das New Yorker Folkrevival sammelte. Das Buch ist 1979 bei Anchor Books in New York erschienen. Eine deutsche Ausgabe gibt es leider nicht.

Dave Van Ronk mit Elijah Wald: Der König von Greenwich Village, Heyne Hardcore, Taschenbuch, 368 Seiten, 9,99 Euro, ISBN 978-3-453-67638-1.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.